Halbleiterhersteller müssen sich stärker auf Kernkompetenzen fokussieren
Namensartikel Dr. Wolfgang Ziebart, Börsenzeitung
Immer wieder wurde in den letzten Jahren eine radikale Konsolidierung der Halbleiterindustrie heraufbeschworen. Die Industrie sei zu zersplittert, heißt es, zu viele Anbieter würden in einem überfüllten Markt konkurrieren. Die erwartete große Konsolidierungswelle, nach der nur noch wenige große Player übrig bleiben sollen, ist jedoch bislang ausgeblieben. Es auch nicht absehbar, dass sie in nächster Zeit über uns rollen wird. Gleichwohl durchläuft die Halbleiterindustrie seit geraumer Zeit einen fundamentalen Wandel. Da ist der Einstieg von Beteiligungsgesellschaften, die die Halbleiterindustrie neuerdings als attraktives Betätigungsfeld für sich entdeckt haben und mit ihrer Finanzkraft die Karten neu mischen. Des weiteren ist eine zunehmende Fokussierung zu beobachten. Aktivitäten, die nicht zum Kerngeschäft passen, werden verkauft oder in eigenständige Unternehmen ausgegliedert. Letzteres gilt besonders für das schwankungsanfällige Geschäft mit Speicherbausteinen. Immer mehr Hersteller schließen sich in strategischen Allianzen zusammen, und das obwohl die Halbleiterindustrie eine der wettbewerbsintensivsten Branchen überhaupt ist.
Was sind die Treiber hinter diesen strukturellen Veränderungen? Zum einen kommt hier das im Vergleich zu den Hochzeiten der Industrie deutlich geringere Marktwachstum zum Tragen. Die in den Achzigern und Neunzigern üblichen Wachstumsraten von durchschnittlich 20 Prozent pro Jahr werden schon lange nicht mehr erreicht. Die Prognosen für das laufende Kalenderjahr liegen eher im unteren einstelligen Bereich. Dies führt zu einem stärkeren Wettbewerb um Marktanteile, den nur der gewinnen kann, der sich an die neuen Bedingungen anpasst.
Noch viel wesentlicher aber ist der Paradigmenwechsel, der die Voraussetzungen dafür, nachhaltig Gewinne zu erwirtschaften, grundlegend verändert hat. Die Halbleiterindustrie war lange Zeit ausschließlich fertigungsgetrieben, Technologieführerschaft war der Erfolgsfaktor schlechthin. Nur, wer regelmäßig in die neuesten Fertigungstechnologien und damit in die weitere Miniaturisierung der Chipstrukturen investierte, konnte den geforderten Produktivitätszuwachs von 30 Prozent pro Jahr realisieren. Dabei galt: je größer das Unternehmen, desto besser konnte es die notwendigen Skaleneffekte erzielen und von den sinkenden Stückkosten profitieren.
Heute sind weder Technologieführerschaft noch pure Größe Erfolgsgarantien, statt dessen zählen Kundenorientierung, profundes Applikationswissen und Marktführerschaft in spezifischen Segmenten. Ein Blick auf die Umsatzrenditen verschiedener Halbleiterunternehmen zeigt, dass es keinerlei Zusammenhang zwischen Größe und Profitabilität gibt. Am erfolgreichsten sind heute die Halbleiterunternehmen, die sich auf bestimme Segmente fokussiert haben. Wichtig ist also nicht Größe um jeden Preis, sondern die relative Stärke in einem spezifischen Marktsegment. Für die Investitionsstrategie eines Halbleiterunternehmens heißt das, nicht einfach in einen Markt investieren, nur weil dieser gerade ein hohes Wachstumspotenzial aufweist, sondern klare Schwerpunkte setzen, auf Kernkompetenzen aufbauen und seine Position in den Segmenten ausbauen, in denen man heute schon stark ist. Den Weg, den Infineon mit der Ausgliederung seines Speichergeschäftes in ein eigenständiges Unternehmen eingeschlagen hat und jetzt mit der gezielten Stärkung seines Kerngeschäftes – das sind Kommunikation sowie die Automobil- und Industrieelektronik – konsequent weitergeht, ist ein gutes Beispiel dafür. Erst kürzlich haben wir unser Kommunikationsgeschäft mit gezielten Akquisitionen weiter ausgebaut.
Dass die Differenzierung im Markt heute nicht mehr über die neuesten Fertigungstechnologien erfolgt, hat vielschichtige Gründe. Es gibt immer weniger Produkte, die ihre Wettbewerbsfähigkeit aus der Verkleinerung der Chipstrukturen ziehen. Vor 20 Jahren wurden noch 70 Prozent der Chips in den neuesten Technologien gefertigt, heute sind es nur noch 40 Prozent. Viele hochinnovative Produkte zum Beispiel für die Automobilelektronik oder in der Standardmobilkommunikation werden in bewährten Technologien gefertigt.
Zum anderen haben sich die Anforderungen vieler Abnehmer von Halbleiterprodukten massiv verändert. In immer mehr Bereichen sind komplette Systemlösungen gefragt. Hersteller von Mobiltelefonen beziehen heute in der Regel einen kompletten Chipsatz inklusive Software von ihren Halbleiterzulieferern. Nur so sind sie in der Lage, im schnelllebigen Handymarkt ihre Produkte frühzeitig auf den Markt zu bringen. Für den Halbleiterhersteller bedeutet das, nicht mehr das kleinste Stück Silizium steht im Vordergrund, statt dessen benötigt er umfassendes Wissen über die Systemanforderungen des Kunden und die Applikationen.
Dazu kommt, dass die Kosten für die Herstellung immer kleinerer Chips in den neuesten Technologien ins unermessliche steigen. Für eine Wafer-Fabrik wettbewerbsfähiger Größe, die in der 65-Nanometer-Technologie fertigt, muss man mit Investitionen von gut 3 Milliarden US-Dollar rechnen. Beim nächsten Technologieknoten, also 32 Nanometer, wird sich diese Summe weiter erhöhen. Auch der Aufwand für die Entwicklung der Fertigungstechnologie, die lithografischen Masken und das Equipment wachsen exponentiell. Immer weniger Unternehmen sind in der Lage, diese Investitionen zu stemmen. Vor allem aber sind immer weniger Unternehmen in der Lage, eine solche Produktion in der neuesten Technologie auch auszulasten. Viele Hersteller setzen daher heute auf eine „Fab-light“-Strategie. Das heißt, für Chips ab einer bestimmten Strukturgröße, die in Standardtechnologien gefertigt werden, wird nicht mehr in eine eigene Fertigung investiert. Diese werden über Auftragsfertiger produziert. Investiert wird nur noch in den Bereichen, wo eine eigene Fertigung ein wesentlicher Wettbewerbsfaktor darstellt. Eine weitere Konsequenz der Kostenexplosion ist der Trend zu Allianzen, sowohl bei der Fertigung als auch bei der Entwicklung der entsprechenden Fertigungstechnologien. Man kann davon ausgehen, dass die Fertigung von Logik-Halbleitern ab 32 Nanometer ausschließlich auf den Plattformen dieser Allianzen stattfindet. Auftragsfertiger werden in diesem Zusammenhang zunehmend an Bedeutung gewinnen und den Wandel der Chipindustrie beeinflussen.
Um nicht Opfer der Konsolidierung zu sein, sondern den strukturellen Wandel der Branche aktiv mit zu gestalten, müssen sich aber vor allem die großen, integrierten Halbleiterhersteller neu orientieren. Infineon Technologies hat in den letzten drei Jahren mit weitreichenden Maßnahmen die Voraussetzungen geschaffen, auch in Zukunft zu den Gestaltern der Halbleiterindustrie zu gehören.

