Smarte Maschinen und Roboter: Ein Experten-Interview mit Ulrich Eberl

Smarte Maschinen und speziell Roboter werden in Wirtschaft und Gesellschaft immer wichtiger. Sie verändern alle unsere Lebensbereiche massiv, in den Büros und Fabriken ebenso wie im Alltag, zu Hause und unterwegs. Doch: Was genau sind eigentlich smarte Maschinen und welche Auswirkungen haben sie auf unsere Arbeitsplätze? Können sie gar so intelligent werden wie Menschen? Wir haben den Experten für smarte Maschinen, Ulrich Eberl, dazu befragt und interessante Einblicke erhalten.

Smarte Maschinen - Definition

Infineon: Herr Eberl, was sind eigentlich smarte Maschinen?

Ulrich Eberl: Man kann sich jetzt natürlich die Frage stellen: Ist mein kleiner NAO-Roboter schon eine smarte Maschine? Ich glaube nicht. Man kann ihm vieles beibringen: Zum Beispiel Hamlet zu zitieren, Fußball zu spielen oder in einer Bäckerei für mich eine Brezel zu kaufen – das ist dann schon ganz lustig. Aber das sind Verhaltensweisen, die man den Maschinen vorgibt.

Smarte Maschinen sind nach meinem Verständnis noch mehr. Sie werden uns Menschen immer ähnlicher, auf allen möglichen Feldern. Sie können laufen, greifen, sprechen, zuhören, sehen, Objekte erkennen und damit umgehen. Das sind alles Dinge, die NAO in begrenztem Maße auch schon schafft. Was er nicht kann – was aber smarte Maschinen heute auch schon beherrschen – ist zum Beispiel Schreiben und Lesen.

Maschinelles Lernen

Der aktuellste Überblick über die Entwicklungen und Zukunftstrends in der Robotik und der Künstlichen Intelligenz mit Berichten aus Labors in den USA, Japan und Europa. Ulrich Eberl: Smarte Maschinen – Wie Künstliche Intelligenz unser Leben verändert, Hanser-Verlag 2016, 406 Seiten.

Infineon: Wie weit fortgeschritten ist die Lese- und Schreibfähigkeit bereits?

Ulrich Eberl: Es gibt zahlreiche smarte Maschinen, die von Menschenhand geschriebene Texte lesen können. Das sind dann aber keine Roboter wie NAO, sondern Computerprogramme. Sie lesen etwa in Sekundenschnelle medizinische Fachliteratur und Patientenakten und beraten dann Ärzte. Oder sie recherchieren in juristischen Texten für Anwälte oder helfen bei der Geldanlage, indem sie Unternehmensberichte analysieren und mit aktuellen Nachrichten und Börsendaten in Zusammenhang bringen.

Sogenannte Roboterjournalisten sind auch in der Lage, einfache Texte selbst zu schreiben, etwa lokale Wetternachrichten oder Sportergebnisse. Die Maschine macht beispielsweise einen kleinen Text daraus, sobald man weiß, wie etwa ein Fußballspiel ausgegangen ist und wer wann die Tore geschossen hat.

Infineon: Sind smarte Maschinen auch lernfähig?

Ulrich Eberl: Ja, das ist sogar das Entscheidende. Die smarten Maschinen von heute lernen ständig hinzu. Sie lernen etwa durch Beobachten und Nachahmen. Es gibt bereits Roboter in Fabriken, denen muss man nur noch eine Bewegung vormachen und schon machen sie diese nach.

Infineon: Nach welchen Methoden funktioniert das Lernen der smarten Maschinen?

Ulrich Eberl: Die sogenannten Deep-Learning-Verfahren, die seit fünf Jahren so viel Furore machen, orientieren sich an den Prinzipien des menschlichen Gehirns. Die Maschinen haben oft Milliarden künstlicher Nervenzellen, die auf komplexe Weise miteinander verschaltet sind – Lernen funktioniert dabei durch Verstärkung und Rückkopplung. Das ist bei uns nicht anders: Wenn wir oft genug gelernt haben, dass eine rote Ampel „Halt! Gefahr!“ bedeutet, dann ist diese Assoziation sofort da, wo immer wir eine rote Ampel sehen.

Zeigt man einem Deep-Learning-Netzwerk Millionen von Tierbildern oder Gesichtern, wird es perfekt im Erkennen von Tieren und Menschen. Das Gleiche gilt für Spracherkennung, Textanalyse oder Übersetzungsprogramme. Mit jeder Suchanfrage oder jedem Sprachbefehl werden Google oder intelligente Lautsprecher wie Alexa immer besser.

Infineon: Kann man auch Roboter in die Schule schicken?

Ulrich Eberl: In der Tat! Genau das wird schon gemacht. Mein Lieblingsroboter ist der iCub des Istituto Italiano di Tecnologia in Genua, das übrigens ein Hot-Spot für Robotik und Künstliche Intelligenz ist. In Genua lernt der iCub wie ein Kind im Kindergarten. Er sitzt in seinem Klassenzimmer oder läuft dort herum und will ständig Neues erforschen. So lernt er, wie man den Tisch abräumt, oder was er mit seinen Spielsachen machen kann. Da greift er sich zum Beispiel einen Becher, schaut sich den an und fragt seinen menschlichen Lehrer: „Wie heißt das?“ Und dieser antwortet: „Das ist ein Becher und er ist orange.“ Wann immer der iCub etwas gelernt hat, bekommt er eine Belohnung.

Infineon: Wie belohnt man denn Roboter?

Ulrich Eberl: Nun, nicht etwa indem man ihm mehr Strom gibt. Es ist ein bisschen wie gute Noten in der Schule. Der Roboter bekommt einfach Punkte, die er sammelt. Er spielt also sein Leben wie ein Computerspiel. Wenn er etwas richtig macht, bekommt er einen Punkt. Bei den Recherchen zu meinem Buch „Smarte Maschinen“ habe ich auch im japanischen Osaka – der Welthauptstadt der Robotik – so einen iCub getroffen. Dort bekam er Punkte dafür, wenn er richtig vorhersagte, was der Mensch vor ihm gleich machen wird. Da saß er einmal neben seinem Lehrer am Tisch und vor ihnen eine Tasse Tee. Der iCub sagte: „Du wirst die Tasse nehmen und trinken.“

Nur war die Tasse leider zu weit weg. Der Mensch hätte sie gar nicht nehmen können – und das hat der Roboter dann auch gesehen. Das Interessante war, was er anschließend gemacht hat: Er hat dem Menschen einfach die Tasse hingeschoben. Ganz nach dem Motto: „Jetzt nimm mal, ich will meinen Punkt.“ Spannend war, dass ihm das nie jemand einprogrammiert hat. Selbst wie man eine Tasse schiebt, hatte sich der Roboter selbst beigebracht. So ein Belohnungslernen könnte einer der besten Wege sein, Roboter einmal alltagstauglich zu machen.

Infineon: Wer erzieht Roboter?

Ulrich Eberl: In Zukunft werden wir sicher so etwas brauchen wie Lehrer für Maschinen. Ich muss der Maschine ja beibringen, was vernünftig ist und wie sie Probleme lösen soll. Das werden natürlich Menschen übernehmen, so wie wir auch unsere eigenen Kinder erziehen. Wenn Maschinen autonom entscheiden sollen, müssen wir es schaffen, in ihnen unsere ethischen Regeln zu verankern. Es gibt daher inzwischen erste Lehrstühle für Maschinenethik. Wie unterscheidet die Maschine zwischen gut und böse – das sind extrem wichtige Fragen.

Roboter und Menschen

Infineon: Können Roboter Emotionen haben?

Ulrich Eberl: Eine interessante Frage. Ich bin schon öfter Roboy begegnet, einem netten, kleinen Roboter, der ein Skelett hat und einen Eierkopf. Der sagt dann schon mal: „Ach, ich bin doch so schüchtern.“ Dann schlägt er die Augen nieder und wird ganz rot. Das ist wirklich süß. Aber hier muss einem natürlich klar sein: Das ist nur eine Simulation. Echte Emotionen haben die Maschinen nicht. Man kann ihnen so etwas verpassen wie Stromhunger, wenn der Akku zur Neige geht, oder Schmerz, wenn ein Motor heiß läuft, aber menschliche Gefühle sind das nicht.

Infineon: Wie sehr können Roboter überhaupt dem Menschen ähneln?

Ulrich Eberl: In Japan bauen Forscher Maschinen, die man vom Menschen kaum mehr unterscheiden kann. Wenn man solchen Androiden gegenüber steht, muss man schon genau hinschauen: Was ist Mensch, was Maschine? Selbst die Haut ist weich, warm und hat Poren. Die Augen sind perfekt. Auch Mund und Haare. Sie sprechen wie ein Mensch, mit Augenaufschlag und Lächeln. Das ist schon sehr verblüffend.

Ein dänischer Professor hat in Japan seinen Klon in Auftrag gegeben. Den hat er dann mit nach Kopenhagen genommen und ihn eine Vorlesung halten lassen. Und – das ist kein Witz – der Professor hat erzählt, die anwesenden Studenten hätten erst in der Pause bemerkt, dass das nicht ihr Professor war, der da die Vorlesung hielt.

Infineon: Wie kann künftig die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Roboter aussehen?

Ulrich Eberl: Das werden sehr enge Kooperationen sein. Es ist teilweise heute schon so. Die Firma Glory in Japan stellt zum Beispiel Geldautomaten her. Da sitzen einigermaßen humanoide Roboter neben den Menschen und arbeiten mit ihnen zusammen. Sie reichen sich Werkstücke, montieren Bauteile gemeinsam – und das Lustige: Die Roboter machen sogar den Frühsport mit. Man kann sich jetzt fragen: Was soll denn das? Die Maschinen brauchen das ja nicht. Das mag schon sein. Aber es macht die Roboter sympathischer, sagen die Glory-Manager.

Infineon: Ist die Angst vor Robotern eine westliche Eigenschaft?

Ulrich Eberl: Dass Roboter die Weltherrschaft übernehmen könnten, sind schon sehr westliche Mythen. Das habe ich auch gelernt durch meine Reisen um die Welt. In Japan ist das ganz anders. Wir haben im Westen tatsächlich eine Tradition des Kampfes zwischen Mensch und Maschine. Da können wir weit zurückgehen. Zum Golem, zu Frankenstein. HAL 9000, Blade Runner, Terminator, Transformers und wie sie alle heißen, in Filmen, Literatur und Theaterstücken. Mensch gegen Maschine, darum geht es im Westen.

Im Osten ist das völlig anders. In Japan etwa gibt es eine jahrhundertealte Tradition von helfenden Maschinen. Die Japaner haben schon vor dreihundert Jahren große Puppen mit mechanischem Getriebe gebaut, die dann zum Beispiel Tee einschenkten. Und so ging das weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Mangas, Videospiele und Anime-Filme um „Astro Boy“ heraus – ein Roboterjunge, der den Menschen gegen das Böse hilft. Das ist also eine völlig andere Tradition: Hier geht es um Harmonie zwischen Mensch und Maschine. Deshalb glaube ich, da steckt viel Kulturelles dahinter. Und sehr viel Science-Fiction-Denken. Superintelligente Maschinen, die die Menschheit bedrohen, sind weit weg von der Realität.

Roboter und Arbeitsplätze

Infineon: Was bedeuten Roboter für Arbeitsplätze?

Ulrich Eberl: Die smarten Maschinen – also Roboter und lernfähige Algorithmen – werden mit Sicherheit praktisch alle Jobs verändern, aber die entscheidende Frage ist: Nehmen sie uns insgesamt Arbeitsplätze weg oder schaffen sie sogar mehr neue als sie alte vernichten? Dies ist noch nicht entschieden, es gibt inzwischen viele Studien dazu. Eine der berühmtesten ist die sogenannte Oxford-Studie, in der 700 Tätigkeitsfelder daraufhin untersucht wurden, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Haupttätigkeiten dieser Jobs in den nächsten zwanzig Jahren automatisiert werden können.

Ulrich Eberl: Vor allem sind dies Routinetätigkeiten in den Büros, wo man Daten sammelt, ordnet und verarbeitet. Buchhalter, Logistiker, Versicherungsvertreter, Assistenten von Anwälten oder Finanzierungsberater. Denn wenn ein Bankberater beispielsweise ein Computersystem, das Texte auswerten kann, bittet, Unternehmensberichte zu analysieren und ihm Empfehlungen zur Geldanlage zu geben, dann leitet er das Ergebnis an seinen Kunden weiter. Da kann man sich natürlich fragen: Wozu brauche ich denn dann noch den Finanzierungsberater? Warum kann ich nicht gleich mit dem Computer reden oder mit irgendeinem Chatbot?

Ulrich Eberl: Nein, denn die Tatsache, dass etwas automatisierbar ist, sagt ja noch nichts darüber aus, ob es sich rechnet, ob es juristisch zulässig ist oder ob wir das auch wollen. Nehmen wir den Lkw-Fahrer. Selbst wenn die Fahrzeuge autonom fahren können, glaube ich nicht, dass Lkw-Fahrer schon bald arbeitslos werden. Ich stelle mir immer vor, ich fahre auf der Autobahn und dann fährt ein riesiger Lkw an mir vorbei, in dem niemand mehr drin sitzt. Ich denke nicht, dass wir das akzeptieren werden. Es wird wohl eher wie bei Piloten sein: Den größten Teil der Strecke fliegen die Flugzeuge ja auch autonom. Beim Start und bei der Landung braucht man die Piloten noch oder wenn etwas Besonderes passiert. Und so ähnlich wird das auch bei den Lkws sein.

Ulrich Eberl: Kreative und komplexe Berufe, wie Forscher, Ingenieure, Fotografen, Architekten, Komponisten, Designer, Handwerker. Aber auch Berufe, die soziale Kompetenz erfordern, wie Lehrer, Sozialarbeiter, Pflegekräfte, Manager, Trainer, Marketing-Spezialisten. Natürlich auch Ärzte. Das ist ganz interessant, denn wie bei den Bankberatern hat ja auch der Arzt in Zukunft immer mehr Systeme, die für ihn Patientenakten und Fachliteratur lesen und die er um Rat bittet. Da kann man natürlich fragen: Wozu brauche ich noch den Arzt? Aber da ist die Antwort klar: Denn Menschen werden auch in Zukunft mit menschlichen Ärzten reden wollen. Deren Zuwendung ist ja oft schon der halbe Weg zur Heilung. Außerdem wissen sie manchmal intuitiv, was ihren Patienten fehlen könnte, die sie seit vielen Jahren kennen.

Ulrich Eberl: Eine Menge. Dazu gehören Sicherheitsexperten. Man bedenke nur, wie schwierig es ist, solche Computersysteme gegen Angriffe zu schützen und sie zuverlässig zu machen. Das ist im Übrigen wie bei Software-Entwicklern. Anfang der 1980er Jahre gab es so gut wie keine Software-Entwickler, weil es keine PCs gab. Heute haben wir weltweit rund 20 Millionen Software-Spezialisten. Dann braucht man, wie gesagt, Lehrer für smarte Maschinen. Und natürlich müssen sie auch erst einmal entworfen und hergestellt werden.

Infineon: Können Maschinen denn auch Arbeitsplätze sichern?

Ulrich Eberl: Ja, das zeigt schon ein Blick auf die drei Länder, die heute den höchsten Automatisierungsgrad in der Industrie haben: Südkorea, Japan und Deutschland. Dort gibt es zugleich die geringste Arbeitslosigkeit. Das widerspricht eigentlich der Intuition. Man würde sagen: Wird viel automatisiert, werden die Menschen arbeitslos. Wenn man es allerdings richtig macht, wird die Industrie wettbewerbsfähiger und Produkte können gut auf dem Weltmarkt verkauft werden. Das wiederum heißt, man hat genug Arbeit.

Ausblick in die Zukunft

Infineon: Gehören smarte Maschinen bald zum Alltag?

Ulrich Eberl: Alles in allem kann man sagen, dass auf dem Gebiet der smarten Maschinen oder auch der Künstlichen Intelligenz in den letzten fünf Jahren mehr passiert ist als in den gesamten 50 Jahren zuvor. Das ist wirklich ein Feld, das gerade boomt, und wir sind erst am Anfang. Denn in den nächsten 20 bis 30 Jahren werden sich die Rechenleistung, Speicherfähigkeit und Datenübertragungsrate von Mikrochips noch einmal vertausendfachen – zum selben Preis wie heute. Gleichzeitig wird auch die Software immer leistungsfähiger, also die Lernverfahren für die smarten Maschinen und die Erzeugung und Verarbeitung von Wissen.

Diese Entwicklung wird uns alle betreffen. Ganz egal, wie alt wir sind oder welchen Beruf wir haben. Wir werden diese smarten Maschinen so selbstverständlich in unser Leben integrieren wie heute die Smartphones. Vor zehn Jahren kamen die ersten Smartphones auf den Markt, und heute können sich viele ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen. Die Entwicklung ist da enorm schnell. Mit den smarten Maschinen wird es uns ähnlich gehen. Wir werden sie überall sehen, oft ohne zu merken, dass es lernfähige Maschinen sind. Wir werden in einer Gemeinschaft mit smarten Maschinen leben, Hand in Hand mit ihnen arbeiten. Wir werden sie zuhause haben, im Büro, in den Fabriken, auf den Straßen. Überall.

Biographie von Dr. Ulrich Eberl

Biographie von Dr. Ulrich Eberl

Dr. Ulrich Eberl (links im Bild) gilt als einer der führenden Experten auf den Feldern smarte Maschinen, Künstliche Intelligenz und Robotik. Nach Abschluss seiner Promotion in Physik arbeitete Ulrich Eberl für die Technologiepublikationen der Daimler AG. Anschließend übernahm er 20 Jahre lang die Leitung der Kommunikation über Forschung, Innovationen und Zukunftstrends bei Siemens, bevor er sich 2016 selbständig machte. Ulrich Eberl ist Autor der renommierten Fachbücher „Zukunft 2050“ und „Smarte Maschinen“ sowie des Romans „Tatort Zukunft“. Zudem hält er zahlreiche Vorträge über Zukunftstechnologien – darunter den Vortrag „Smarte Maschinen“ bei Infineon Warstein, aus dem dieses Interview entstand. Sein Roboter und Weggefährte NAO hat ihn bei diesem Vortrag begleitet.

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